Wenn es blendet, öffne die Augen

Synopsis

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verfallen große Teile der russischen Jugend den Drogen. 21 Jahre später sind Schanna und Ljoscha noch immer am Leben, zwei einander hassliebende, vor ihrer Zeit gealterte Veteranen der verlorenen „Generation Perestroika“.
Den (vorletzten?) Abschnitt ihres gemeinsamen Leidenswegs zeigt Ivette Löcker als dokumentarisches Kammerspiel, in dessen engen gestalterischen Grenzen und beengten räumlichen Verhältnissen – Ljoscha und seine Mutter bewohnen mit Schanna eine Sankt Petersburger Plattenbauwohnung – es nicht um eine Bestandsaufnahme der Dinge geht, die eine vergeudete Existenz ausmachen, sondern um die menschliche Errungenschaft der Sanftheit im Umgang miteinander.

Angesichts der Tatsachen ist diese aus dem Nichts zu kommen scheinende Sanftheit das große Rätsel von Wenn es blendet, öffne die Augen: Schannas besorgniserregender körperlicher Zustand, ihre selbstzerfleischende Redesucht, Ljoschas autodestruktive Co-Abhängigkeit, sein kaum zu ertragendes Warten auf einen Ausbruch, der nicht kommt.
Löckers Kamera registriert – und ist katalysatorische Kraft, die Ereignisse beeinflusst. Das Lamento der beiden Überlebenden über ein Leben, das nicht zu ändern ist – denn das hieße zu verlangen, die eigene Vergangenheit ändern zu können – wird zur dialogischen Selbstbefragung: Wie soll jemand, der innerhalb einer Welt lebt, die kein Außen hat, Begriffe finden für einen Zustand, der den Ereignishorizont des Körpers und der Sucht nicht überwindet?

(Georg Wasner)