Nachtschichten

Synopsis

Eine Wachschutzfrau füttert während ihrer nächtlichen Kontrollrunde in der eisigen Winterkälte eine Ente, die sich auf das Industriegelände verirrt hat. Ein Obdachloser sucht im Schneetreiben nach einem trockenen Schlafplatz, der ihm Schutz gewährt. Ein Nachtwanderer flieht vor seiner Ruhelosigkeit hinaus in die mondhelle Nacht und findet Trost in der Schönheit der nächtlichen Stadt.

Der Film zeigt Menschen in Berlin, die tagsüber unsichtbar bleiben und die Nacht für ihre Existenz gewählt haben. Die Idee war, sie auf ihren Wegen durch die Nacht zu begleiten, um die Motive für ihren versetzten Lebensrhythmus zu ergründen und die Gestalt und Ordnung der heutigen Großstadtnacht erfahrbar zu machen. Manche arbeiten und leben freiwillig in der Nacht, andere hat das Schicksal dazu gezwungen; wieder andere nutzen die Dunkelheit, um im Geheimen zu operieren, manche finden in ihr ein neues Zuhause.

Löckers Intention war, die Spannung zwischen einer pragmatischen Routine, mit der die Nacht verbracht oder organisiert wird, und den existentiellen Sehnsüchten und Ängsten, die scheinbar unweigerlich hervorgerufen werden, filmisch zu erforschen. In längeren Beobachtungen und Gesprächen mit den Menschen entdecken wir die Spannungen und Ambivalenzen, aber auch die verheißungsvollen Freiräume, die sich durch ihre Lebensweise eröffnen. Die Momente, in denen Trostlosigkeit, Angst und Verzweiflung oder der Kampf gegen sie spürbar werden, zeigen auf, wie fragil die nächtlichen Freiräume beschaffen sind.

DIAGONALE Jurybegründung anlässlich der Verleihung des Großen Dokumentarfilmpreises 2011 an Ivette Löcker:

Wer in die Nacht blickt, braucht mehr als Augen, muss tasten und fühlen und erkennen. Ivette Löcker hört hinein in die Stadt. Sie weiß um ihre Schichten und Tiefen. Sie webt ein feines Netz zwischen den nächtlichen Wanderungen ihrer Protagonist/innen. Ihr Blick bringt die Menschen, denen sie begegnet, zum Strahlen. Dafür wird sie beschenkt: mit deren Vertrauen, mit frischem Schnee, der die Nacht für den Film erleuchtet, und sogar mit dem Erscheinen des Fremden in der Stadt, dem der Tiere, die sich für sie aus ihren Verstecken wagen. Freiheit und Unsicherheit, Geborgenheit und Angst, sind die Themen dieses zarten und fragilen Films, der sich auf das Spannungsfeld einlässt, das zwischen der gesichtslosen Großstadt und den Gesichtern der Menschen entsteht.

Drehbuchautorin und Regisseurin Ivette Löcker über ihren Film NACHTSCHICHTEN
in einem Interview von Giovanni Marchini Camia, übersetzt von Julia Pühringer:


Wer bevölkert eigentlich die Berliner Nacht abseits des weltberühmten Nachtlebens? Nachtschichten widmet sich jenen Menschen, die in der Nacht ihren festen Wohnsitz aufgeschlagen haben: Sprayer, Polizisten, Leute vom Sicherheitsdienst, Sozialarbeiter, Obdachlose. Die Gründe für ihr Faible für die Nacht sind ganz unterschiedlich – manche haben in der Nacht Zuflucht gesucht, manche sind in die Nacht hinaus gejagt worden – ihre gesammelten Erfahrungen ergeben jedoch eine aufmerksames und oft berührendes Spiegelbild von Isolation, Entfremdung und menschlichem Durchhaltevermögen.

Wie kamen Sie auf die Idee zum Film?
Ich bin vor elf Jahren nach Berlin gezogen und habe gemerkt, dass die Nächte in Berlin ganz anders sind als die in Wien, wo ich lange gelebt habe. Ich wollte Leute finden, die die Nacht richtig lebten, mit ihr in Kontakt waren und beobachten, wie das ihr Leben geändert hat.

Was waren die Auswahlkriterien für Ihre Protagonisten?
Ich suchte Menschen, die nachts Dinge tun, die untertags nicht möglich sind. Die Sprayer beispielsweise, die den Schutz der Nacht brauchen, oder Menschen, die ihre Wünsche nur in der Nacht erfüllen können, wie die Wächterin, die so das Leben führen kann, das sie sich wünscht, mit weniger Menschen und mehr Tieren. Ich wollte diese Menschen der Kontrolle über die Nacht gegenüberstellen, die in modernen Gesellschaften von der Polizei oder von Sozialarbeitern ausgeübt wird.

Ihr Film war sicher nicht leicht im Voraus zu planen – hat sich Ihre Idee im Laufe der Zeit geändert?
Ich habe relativ lange recherchiert, fast zwei Jahre lang, und die Idee hat sich schon ein wenig geändert. Zuerst habe ich mich mehr auf Leute konzentriert, die in der Nacht arbeiten, und untersucht, wie sich da die Arbeitsabläufe verändern. Allerdings fand ich dann mehr und mehr Menschen, für die die Nacht eine Notwendigkeit ist, Menschen, die nicht mehr in den Tag passen, die in die Nacht hinausgedrängt wurden. Während des Schnitts wurde der Film viel existenzialistischer und vielleicht auch eine Spur pessimistischer, als ich das erwartet hatte.

Waren Ihre Protagonisten sehr kooperativ?
Ja, sie waren grundsätzlich sehr entgegenkommend. Es hat sicher geholfen, dass wir sehr gut vorbereitet waren: Ich hatte sie alle zuvor schon relativ oft getroffen und konnte so ihr Vertrauen in mich und das Projekt aufbauen, das Resultat war ein wesentlich glatterer Prozess als bei anderen Dreharbeiten. Es gab eine spannende Diskussion bei der Polizei, bei der es das Material ging, das wir mit ihrer Wärmebild-Kamera aufgenommen hatten. Niemand hatte mit dem Material gerechnet, das wir dann letztlich hatten, einiges davon war ziemlich sensibel und es gab durchaus Überlegungen, was man nach ethischen Gesichtspunkten in einem Dokumentarfilm zeigen kann.

Haben Ihre Protagonisten den fertigen Film gesehen?
Ja, ich habe eine Premiere für das ganze Team organisiert. Ich glaube, wir waren alle recht zufrieden, das Feedback war sehr positiv. Ich freue mich sehr über die Tatsache, dass sich die Leute im Film wiedererkannt haben und sich nicht falsch dargestellt fühlten.

Es trafen also alle Protagonisten aufeinander – gab es da keine Probleme mit der Polizei und den Sprayern?
Es waren zwei der Polizisten da, die Straßenkünstler waren inkognito. Bei der Polizei sagten sie mir sogar, dass sie gern mal Sprayer kennen lernen würden, weil das im normalen Leben nie passiert und dass sie diese Wechselwirkung echt begrüßen würden – es gibt verbindende Faktoren in ihrer Herangehensweise und ihren jeweiligen Praktiken, bei beiden müssen alle deine Sinne geschärft sein. Aber die Sprayer waren – verständlicherweise – nicht daran interessiert.

Was, hoffen Sie, werden die Zuseher von Ihrem Film mitnehmen?
Ich hoffe, dass das Publikum offen ist für die Perspektive der Nacht, die ich in diesem Film anbiete. Das ist oft eine Herausforderung, weil das keine leichten Lebensgeschichten sind. Ich möchte damit verschiedene Assoziationen und Erkenntnisse provozieren. Ideal wäre natürlich jemand, der aus dem Film geht und sich denkt „ ich habe die Nacht noch nie aus dieser Perspektive gesehen“, oder dass sich im Zuschauer etwas ändert, was in einer neuen Einstellung resultiert.